Von der verhüllten Torwache zum Arnold-Bode-Preis: Ibrahim Mahama zurück in Kassel

2012 kam Ibrahim Mahama als Kunststudent zur documenta 13 nach Kassel. 2017 verhüllte er zur documenta 14 die historische Torwache. Am 29. Oktober 2026 kehrte der ghanaische Künstler zurück, um den Arnold-Bode-Preis der Stadt Kassel entgegenzunehmen. Die Laudatio hielt Naomi Beckwith, Künstlerische Leiterin der kommenden documenta 16.

Es ist eine bemerkenswerte Geschichte, die Ibrahim Mahama in seiner Dankesrede erzählt: Als junger Kunststudent besuchte er vor vierzehn Jahren die documenta in Kassel. Damals wusste er noch nicht, wohin ihn sein künstlerischer Weg führen würde. Heute gehört er zu den international bedeutendsten Künstlern der Gegenwart.

Seine monumentalen Installationen, oft aus gebrauchten Jutesäcken und anderen Materialien mit bewegter Vergangenheit, erzählen von kolonialen Handelsbeziehungen, wirtschaftlicher Ausbeutung, Migration und menschlicher Arbeit.

Kunst als lebendiges Archiv

In ihrer Laudatio beschrieb Naomi Beckwith eine Kunst, deren Bedeutung weit über das sichtbare Werk hinausreicht. Sie würdigte Mahamas Fähigkeit, scheinbar wertlose Materialien in Träger von Erinnerungen und Geschichten zu verwandeln.

„Menschen prägen die Kultur – deshalb müssen wir sie genauso wertschätzen wie die Dinge“, betonte Beckwith.

Dabei erinnerte sie ausdrücklich an Mahamas documenta-Arbeit Check Point Sekondi Loco, mit der er 2017 die Kasseler Torwache verhüllte. Die Jutesäcke, in die auch Teile von Henschel-Lokomotiven eingearbeitet waren, verbanden auf eindrucksvolle Weise die Kasseler Industriegeschichte mit globalen Handelswegen und der kolonialen Vergangenheit Ghanas.

Mahama selbst griff diese Verbindung in seiner Dankesrede auf. Er erzählte von der Geschichte der in Kassel produzierten Lokomotiven, ihrem Einsatz in Ghana und seinem Interesse daran, ausrangierten Gegenständen ein neues Leben zu ermöglichen.

Verantwortung über das Kunstwerk hinaus

Beckwith würdigte auch Mahamas gesellschaftliches Engagement. In seiner Heimatstadt Tamale hat er mit dem Savannah Centre for Contemporary Art einen Ort geschaffen, an dem Kunst, Bildung und Gemeinschaft zusammenfinden.

Mahama sprach in Kassel über die Verantwortung von Künstlerinnen und Künstlern, die international Anerkennung erfahren: Was können sie an die Orte zurückgeben, aus denen sie kommen? Wie können künstlerische Räume neue Möglichkeiten für kommende Generationen eröffnen?

Für Beckwith liegt genau darin die besondere Bedeutung seiner Arbeit. Kunst könne historische Ungerechtigkeiten nicht rückgängig machen, wohl aber neue Vorstellungen wecken und Gemeinschaften entstehen lassen.

artort.tv traf Ibrahim Mahama bereits 2017

Für uns schließt sich mit dieser Preisverleihung ein Kreis. Bereits im Mai 2017 begleiteten wir Ibrahim Mahama beim Aufbau seiner Verhüllung der Torwache und führten ein ausführliches Interview mit ihm über die Idee, die Materialien und seine künstlerischen Vorstellungen.

Unser Film und Interview aus dem Jahr 2017:

Ibrahim Mahama – Check Point Sekondi Loco – documenta 14

Neun Jahre später begegnen wir einem Künstler wieder, dessen Arbeit inzwischen weltweit Beachtung findet und der seine Verbundenheit mit Kassel nicht vergessen hat.

In unserem abschließenden Interview spricht Mahama über die Bedeutung des Arnold-Bode-Preises, seinen ersten Besuch in Kassel und die Zukunft der documenta. Trotz aller Schwierigkeiten sieht er in ihr weiterhin eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt – verbunden mit einer besonderen Verantwortung.

Unsere rund 24-minütige Filmdokumentation konzentriert sich auf die Laudatio von Naomi Beckwith, die Dankesrede Ibrahim Mahamas und ein abschließendes Interview mit dem Künstler. Archivaufnahmen aus dem Jahr 2017 schlagen die Brücke zwischen seiner damaligen documenta-Arbeit und der heutigen Auszeichnung.

Film auf YouTube ansehen

Film und Schnitt: artort.tv / clipmedia | Kassel, 29. Oktober 2026